Köln: 21.–24.11.2019

EINE ANDERE WELT

Sven Kielgas und Falk Morten von Oeynhausen leben im Wörlitzer Gartenreich in Sachsen-Anhalt ihren Traum: Das Sammlerpaar restauriert mit viel Aufwand und Wissen das Herrenhaus der ehemaligen Fürstlichen Domäne. Es ist eine Zeitreise in den von ihnen geliebten Klassizismus.

Der gedeckte Tisch mit Korbstühlen, weißem Damast, darauf das schwarze Teegeschirr von Wedgwood und die Silberschale mit Orangenplätzchen, wartet im Garten unter einem Zürgelbaum. Herrlich ist der freie Blick hinüber in das Wörlitzer Gartenreich. Der Zürgelbaum ist hier das Einzige, was nicht ganz stilecht ist. Erst im 19. Jahrhundert hielt er Einzug im Fürstentum Anhalt-Dessau und entspricht insofern nicht hundertprozentig den Ideen von Fürst Franz, dem Schöpfer der Wörlitzer Wunders.

Vorbild England

Fürst Franz und sein Leibarchitekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff sind so etwas wie die Hausheiligen der beiden Gastgeber. Das Sammlerpaar Sven Kielgas und Falk Morten von Oeynhausen hat vor vier Jahren das von Erdmannsdorff zwischen 1783 und 1787 errichtete Herrenhaus der Fürstlichen Domäne erworben und plant nun, es Schritt für Schritt in seinen Ursprungszustand aus dem 18. Jahrhundert zurückzuversetzen.

»Die Epoche zwischen Französischer Revolution und Wiener Kongress hat es uns am meisten angetan«, erzählt Sven Kielgas. »Es ist erstaunlich, wie fortschrittlich man damals dachte und handelte.« Eine Speerspitze des Fortschritts war das kleine, nur 30.000 Einwohner zählende Fürstentum Anhalt-Dessau. Es hatte das Glück, seit 1758 von einem kunstsinnigen und weltoffenen Fürsten regiert zu werden.

Zu seinem Vorbild erkor sich der Fürst nicht – wie viele seiner Standesgenossen – Frankreich, sondern England. In den Augen der beiden Hausherren eine weise Entscheidung, denn in Stilfragen verkörperte das britische Königreich damals die Avantgarde. Seine Architekten orientierten sich an der italienischen Renaissance und deren Rückgriff auf die Antike. Anstelle von Ornament und Schnörkel bevorzugten sie klare Formen. Und wo wurde das erste klassizistische Gebäude auf dem Kontinent gebaut? 1759 hier in Wörlitz – als »Englischer Sitz« neben dem bewusst von Fürst Franz nicht Schloss genannten späteren Englischen Landhaus.

Schön und nützlich

Aus England importierte Fürst Franz neben dem progressiven Architekturstil viele praktische Ideen. »Sein Leitspruch war: Alles Schöne muss auch nützlich sein und alles Nützliche schön», erzählt Sven Kielgas. »Vereint betrachtet ist das keine kleine Herausforderung.«

Für das Schöne standen das Englische Landhaus oder die Villa Hamilton, für das Nützliche die Fürstliche Domäne, deren Mittelpunkt das von Kielgas erworbene Herrenhaus bildet. »Die Domäne war der innovation hub des Fürstentums, eine Art Labor der Aufklärung. Von überall pilgerten die Besucher auf diesen Musterhof, um hier den agrartechnischen Fortschritt zu studieren.« Denn dank der Einführung moderner Anbaumethoden hatte Fürst Franz aus seinem verarmten Landstrich eine blühende Landschaft gemacht.

Sven Kielgas ist inzwischen im Haus verschwunden, um gleich darauf mit einer Staffelei zurückzukehren, auf der er die Reproduktion eines Kupferstichs drapiert. Das Bild zeigt den Vierseithof der Domäne, auch Ökonomie genannt, im Originalzustand. Genauso soll es hier einmal wieder aussehen, inklusive der gemauerten Bogenarkaden, die den Hof einrahmen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, doch die beiden Visionäre lassen sich nicht schrecken. Sie haben ihre Idee klar vor Augen. Detail für Detail wollen die beiden Hausherren das Genie des Erdmannsdorff’schen Entwurfs auferstehen lassen. Und eines fernen Tages wollen sie ihr Frühstück wie einst der fürstliche Verwalter im Entree einnehmen, hinter der großen Glasscheibe, und den Blick über Felder und Alleen schweifen lassen.

Ethik und Ästhetik

An diesem Punkt weicht Kielgas’ Euphorie erstmals einem Anflug leiser Resignation. Über die Denkmalbehörde des Landes, die sich bei manchen Änderungen querstellt, da sie gern alle Zeitschichten im Haus bewahrt gesehen hätte. Und über die Kommune, die ihren finanziellen Anteil an der Restaurierung, entgegen ursprünglicher Planung, drastisch reduziert hat.

Bis diese Konflikte gelöst sind, muss das Prinzip Hoffnung regieren. Zu tun gibt es sowieso genug. Neben ihren eigenen Wohn- und Schlafräumen sollen im Obergeschoss Gästesuiten entstehen. Nicht als kleines Privathotel, sondern um ausgewählte Besucher hierher einzuladen und für die Schönheit des Wörlitzer Klassizismus zu begeistern: »Die Domäne soll wieder ein Ideenlabor werden. Für Influencer, die sich Gedanken machen, wie die Region nach vorne gebracht werden kann«, sagt Sven Kielgas. »Dass Ethik und Ästhetik sich gegenseitig bedingen, ist ein Gedanke, der auch heute hilfreich sein könnte.«

Ein Teil des Inventars werden sie dafür aus München hierherbringen, wo die beiden leben und arbeiten. Von Zeit zu Zeit verwandelt sich ihre Wohnung in einen Salon, in dem ein vollständiges Interieur aus der Zeit um 1800 nachempfunden wird. Ganz sicher ist diese Epoche und ihr Geist für beide ein Eskapismus aus der Welt, mit der sie es sonst zu tun haben.

Falk Morten von Oeynhausen schreibt Drehbücher für das Fernsehen. Sven Kielgas ist einer der erfolgreichsten Marketer Europas, zudem engagiert er sich als Sonderbotschafter der COLOGNE FINE ART & DESIGN.

Text Sandra Prechtel