Köln: 21.–24.11.2019

THONETS VATER

Der Möbelpionier Michael Thonet war noch nicht geboren, da fertigte der belgische Ebenist (ein auf die Herstellung furnierten Mobiliars spezialisierter Kunsttischler – Anm. d. Red.) Jean-Joseph Chapuis schon Holzstühle mit einzigartigem Schwung.

Auf der COLOGNE FINE ART & DESIGN präsentiert der Designhändler Sebastian Jacobi die Entwicklung des bahnbrechenden Chapuis-Sessels vom Prototyp bis zur letzten Version.

Wie hat Jean-Joseph Chapuis die Weichen für das moderne Design gestellt?
Chapuis’ Kirschbaum-Stühle aus der Zeit um 1785 sind so reduziert, dass man eher an Möbel der 1920er-Jahre denkt. Die Suche nach dem »Weniger«, der perfekten Proportion und präziser Verarbeitung charakterisieren sein Werk und nehmen Gestaltungsideale späterer Generationen vorweg.

Was war an den Stühlen so epochemachend?
Chapuis hat schon am Ende des 18. Jahrhunderts mit sogenanntem Schichtholz experimentiert. Um das Jahr 1802 konnte er so zum ersten Mal ein Sitzmöbel konstruieren. Zwar kannten schon die Ägypter diese Technik, aber es war Chapuis, der sie akribisch weiterentwickelte und schließlich zur Perfektion brachte.

Jeder Stuhl transportiert auch eine soziokulturelle Botschaft. Was erzählt uns der Sessel?
Er repräsentiert in Form eines klassischen „sella curulis“ und im Geschmack des „goût grec“ die impulsgebende Herrschaftszeit Napoleons, die die gestalterische Neuausrichtung Europas prägt. Die Neuinterpretation antiker Grundformen wird zum Ausdruck von Macht und geistreichem Geschmack. Der Chapuis-Sessel bringt durch seine neuartige Technik aber auch die Suche nach Innovation zum Ausdruck. Trotz adaptierter Formensprache ist er in der Zeit um 1800 ein Bekenntnis zur Moderne!

Ihren ersten Chapuis-Sessel kauften Sie als Student. Was hat Ihr Interesse an diesem Möbelstück geweckt?
Ich habe ihn 1993 auf der – damals noch – Westdeutschen Kunstmesse in Köln gekauft. Das Geld liehen mir meine Eltern, wofür ich bis heute sehr dankbar bin, denn es hatte auf mein späteres Leben großen Einfluss. Vorher habe ich Bugholzmöbel von Thonet gesammelt und mich dabei immer gefragt, wo diese Idee, Holz zu biegen, ihren Anfang nahm.

Wie sitzt es sich auf einem solchen Sessel?
Sehr bequem!

Was fasziniert Sie persönlich an seiner Formsprache?
Er ist einer der ganz wenigen, denen es gelungen ist, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Hat man sich in sein Design hineingesehen, erkennt man seine Möbel sofort. Das Spektakulärste für mich ist, dass er bei seinen schichtverleimten Tischen abwechselnd Mahagoni und Ebenholz, teils auch andere Hölzer, in Schichten sichtbar miteinander verleimt hat. Dadurch wird seine Schichtverleimung gleichzeitig zum Ornament. Mit dieser Innovation ragt er ganz weit in die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts hinein.

Begegnet man Chapuis’ Formen und Elementen auch in aktuellen Möbelentwürfen?
Die Formensprache von Chapuis dekliniert sich durch die letzten 200 Jahre Designgeschichte. Wunderbar zu sehen im Schaulager des Vitra Design Museums oder der Neuen Sammlung in München. Der Blick zurück empfiehlt sich für jeden zeitgenössischen Gestalter. Denn es war ja alles in der Geschichte einmal zeitgenössisch.

Welche Chapuis-Möbel präsentieren Sie auf der COLOGNE FINE ART & DESIGN?
Ich zeige die vollständige Genese des Chapuis-Sessels – vom Prototyp aus der Zeit um 1802 bis zur letzten überarbeiteten Version von circa 1810. Darüber hinaus noch einige Tischmodelle, an denen man die »Schichtholz-Ornamentik« sehen kann. Es wird daneben wegweisende Design-Beispiele der letzten 150 Jahre geben, an denen man Chapuis’ Innovationskraft nachspüren kann.

Das Interview führte Laura Storfner