Köln: 16.–20.11.2022 #colognefineart

DE Icon Pfeil Icon Pfeil
DE Element 13300 Element 12300 EN
Sonderschau zur COLOGNE FINE ART & DESIGN 2021

VIENNA 1900

W&K – Wienerroither & Kohlbacher

Die Pionierleistung der Künstler des Wiener Fin de siècle insbesondere Gustav Klimt, Egon Schiele, und Oskar Kokoschka bestand in der intensiven Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und den vielfältigen Dimensionen physischer wie psychischer Erfahrung, die sie mit unerschrockener Neugier ausloten und in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellen.

Die geistige Elite in Wien um 1900 hatte den sehnlichen Wunsch, in allen möglichen Disziplinen unter die Oberfläche zu blicken. Sigmund Freuds Psychoanalyse war allgegenwärtig, die Medizin beschritt neue Wege und obduzierte Leichen, ungeachtet der Proteste der katholischen Kirche. Ebendiese gesellschaftlichen Repressionen und Tabus im psychischen und sozialen Leben werden von den Künstlern rücksichtslos aufgedeckt, unbewusste Verdrängungen werden dem Betrachter vor Augen gehalten. Die Gesellschaft muss sich aus Sicht der Künstler verändern, Konflikte mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem Recht sind unvermeidbar. Die Darstellung der "nackten Wahrheit", sei es die Realität des Körpers, seien es physische und psychische und gesellschaftlich tabuisierte Bedürfnisse - macht den Künstler zu einem Ausgestoßenen in der Gesellschaft.

Kunst als Identifikationsmedium

Die Wiener Moderne schafft es konfessionslos zu werden. Gleichzeitig entwickelt sich die Kunst zu einem Identifikationsmedium für eine neue, aufgeschlossene Gesellschaft, die nun abseits der Traditionen des Adels aus dem oftmals jüdischen Bildungsbürgertum entsteht. Gustav Klimt wird zum gefragtesten Porträtisten der weiblichen Wiener Gesellschaft. Gemälde wie die 'Goldene Adele' entstehen und sorgen für ein neues Identitätsgefühl.

Egon Schiele und die elementaren Funktionen des Lebens

In dieser Atmosphäre des Umbruchs setzt sich Egon Schiele mit den elementaren Funktionen des Lebens auseinander und beleuchten das breite Spektrum des sexuellen Begehrens sowie Geburt und Tod. Vollkommen unbeirrt von Konventionen und Traditionen der Darstellung übt er sich insbesondere in Selbstporträts. Er geht damit über die Nacktheit hinaus, präsentiert eine Selbstanalyse, um sein unbewusstes sexuelles Streben durch autoerotische Kunst zu offenbaren.

Oskar Kokoschka beschäftigt sich mit dem erotischen Fantasieleben Jugendlicher, das Sigmund Freud aus seinen klinischen Studien an erwachsenen Patienten ableitet und setzt dies in den berühmten Illustrationen der 'Träumenden Knaben' um.

Der "Grundstein" für Body Art wird gelegt

Die Wiener Moderne um 1900 stellt ein europäisch einmaliges Phänomen dar ohne zeitgenössische Parallele. Der Grundstein für die heute international verstandene Body Art wird in Wien um 1900 gelegt. Nach der Zensur des 2. Weltkriegs entwickelt sich diese im Wiener Aktionismus der 1960er Jahre, als eine extreme und spezifische Ausprägung weiter und führt bis in die aktuelle internationale Kunstszene wie beispielsweise Marina Abramovic, Paul McCarthy und Mike Kelly.

Galerie bei der Albertina ▪ Zetter

Die Sehnsucht nach einer neuen, zeitadäquaten Formensprache kann als Reaktion auf den akademischen Historismus und Stilpluralismus des späten 19. Jahrhunderts gesehen werden. In der Generation nach Otto Wagner, dem einflussreichen Professor in der Spezialschule für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien, verkörperte besonders dessen Schüler Josef Hoffmann die Möglichkeiten, diesen zeitimmanenten künstlerischen Anspruch zu erfüllen.

Josef Hoffmann postulierte die Idee des "Gesamtkunstwerks", des ästhetizistischen Zusammenschlusses von Kunsthandwerk, bildender Kunst und Architektur, die mit der Forderung nach einer programmatischen Gleichberechtigung von angewandter und bildender Kunst einherging und zum Synonym für die angestrebte Arbeitsweise der Wiener Werkstätte (WW) wurde. 1903 gründete Hoffmann zusammen mit Koloman Moser und dem Industriellen Fritz Waerndorfer die WW, die bis 1932 existierte und für eine elitäre Minderheit – wohlhabende Mäzene, Künstlerkollegen – Entwürfe für alle Bereiche des Kunstgewerbes (Metall, Glas, Keramik, Textilien, Teppiche, Leder, Bücher), selbstverständlich auch für Möbel, lieferte und bis ins kleinste Detail durchkomponierte Raumkonzepte entwickelte. Das Sanatorium Purkersdorf bei Wien (1904-06) und das Palais Stoclet in Brüssel (1905-11) sind zeitgemäße Inkunabeln dieses künstlerischen Gesamtanspruches. Josef Hoffmann zeichnete nicht nur für die Architektur beider Bauten verantwortlich, sondern entwarf auch die komplette Inneneinrichtung, die von der Wiener Werkstätte kongenial ausgeführt wurde.

"Wiener Moderne" um 1900

Die hier gezeigten Möbel aus der Wohnung Magda Mautner-Markhof sind ein besonderes Highlight und sind als eine Art Zeitzeugnis anzusehen. So manche Ideen und Gedanken wurden in dieser Wiener Wohnung bei den beinahe täglichen Treffen der Wiener Künstlerszene entwickelt und gefasst. Die "Wiener Moderne" um 1900 propagierte das Entwerfen von Möbeln und Innenräumen, wobei zwei Aspekte eine maßgebliche Rolle spielten: die zeitgemäße, nicht historisierende Formgebung und der Künstler als Schöpfer dieser neuen Formensprache. Neben Josef Hoffmann reihen sich Otto Prutscher, Josef Urban, Marcel Kammerer, Joseph Maria Olbrich, Leopold Bauer oder Dagobert Peche nahtlos in diese Genealogie der "Künstler-Architekten" ein.

1853 gründete Michael Thonet zusammen mit seinen fünf Söhnen die Firma "Gebrüder Thonet", die weltweit expandierte und ein internationales Vertriebsnetz aufbaute. 1867 erwuchs den "Gebrüdern Thonet" in der neu gegründeten Firma Jacob & Josef Kohn ein ernsthafter Konkurrent auf gleichem produktions- und verfahrenstechnischem Niveau. Beide Bugholzmöbelerzeuger produzierten um 1900 Möbel nach den Designs von Josef Urban, Josef Hoffmann und seinen Schülern Gustav Siegel und Otto Prutscher oder des Malers, Grafikers und Kunsthandwerkers Koloman Moser.

Die Entwicklung der Keramik zu einer höchst expressiven Kunstform

Das Prinzip des Gesamtkunstwerks spiegelt sich auch in kleineren Objekten wider. Selbstständig, als auch für die WW, entwarfen Künstler wie Michael Powolny, Eduard Klablena, Berthold Löffler und Dagobert Peche Keramiken, die längst Klassiker des Wiener Jugendstils sind. Künstlerinnen wie Vally Wieselthier, Gudrun Baudisch und Susi Singer zeichnen verantwortlich für die Entwicklung der Keramik von Gebrauchs- und angewandter Kunst zu einer selbstständigen, höchst expressiven Kunstform. Die Gegenüberstellung der zum Teil stark stilisierten, streng geometrischen oder symbolistisch anmutenden Jugendstilkeramiken mit den expressiven, farbstarken Wiener Werkstätte Keramiken ist spannungsgeladen. Der formale Wandel von einer künstlerischen Generation zur nächsten könnte kaum größer sein.

Die zeitlose Gültigkeit der Idee

Entwürfe für Schalen, Vasen und Ähnlichem aus Glas von Künstlern wie Josef Hoffmann, Koloman Moser, Franz Hofstötter oder Marie Kirschner wurden von der berühmten böhmischen Manufaktur Johann Lötz Witwe in Klostermühle gefertigt. Die eleganten, mäandernden Formen harmonieren kongenial mit dem typischen irisierenden Dekor, der diese Glashütte weltberühmt machte. Streng geometrische Muster charakterisieren dagegen die meisten Metallarbeiten der Zeit. Aus der Feder der oben genannten Universalkünstler stammen Entwürfe für Vasen, Brotkörbe, Aufsätze, Tee- und Kaffeeservices, Jardinièren, Besteck und vieles mehr aus Silber, Messing und Alpaca.

Die Popularität dieser Sammlerstücke, auch weit über Österreichs Grenzen hinaus, beweist die zeitlose Gültigkeit der Idee des Gesamtkunstwerks, die in Wien um 1900 in alle Lebensbereiche getragen wurde.